Liebe Freunde,

In den 70-ern und 80-ern Jahren des vergangenen Jahrhunderts, lebte ich als eine erwachsene, bewusste Bürgerin der Volksrepublik Polen, in der Überzeugung, dass ich niemals, trotz des wachsenden Widerstandes der Gesellschaft, der sich zuerst im Untergrund, später, dank der Bewegung Solidarność, auf der Straße manifestierte, in einem freien Land und in einer freien Welt leben werden würde. Und doch ist es gelungen. Es lohnte sich, die damalige sozialistische Macht, die so genannte Macht des Proletariats, herauszufordern.

Nach 26 Jahren Freiheit, aus der die Polen, dank ihrer riesigen Initiative und gewaltigen Hartnäckigkeit, Nutzen ziehen konnten, und zu gleichwertigen Mitgliedern der europäischen Völkergemeinschaft geworden sind, leben wir jetzt wieder in Angst.

Diesmal vor einer Diktatur, die mit der Methode des schleichenden Putsches von verbissenen Konservativen, Jaroslaw Kaczynski und seiner Parteigängern eingeführt wird. Sie fürchten die Freiheit wie der Teufel des Weihwasser. Für den Machterhalt beschwindeln sie mit populistischen Versprechungen einen großen Teil der meist einfachen, ungebildeten Menschen. Die Realisierung dieser Versprechungen wird unausweichlich eine Wirtschaftskrise nach sich ziehen. Sie wird uns auch alle so teuer erkämpften Freiheiten nehmen und unser Land an die Peripherie Europas und zurück ins Mittelalter bringen.

Ich erinnere mich, wie ich, 1988 in Berlin, wo ich mich damals dank eines Stipendiums des Deutschen Literaturfonds aufhielt, an einem Treffen mit der Theatergruppe „Teatr Osmego Dnia“ teil genommen habe. Nach der Aufführung hat ein Teil der Zuschauer einen Zug mit Kerzen, Fackeln und Lampions gebildet. Wir sind nicht viele gewesen. Wir liefen, ein Lied voller Hoffnung „Die Mauern fallen, Fallen, fallen“ von Jacek Kaczmarski singend. Immer wieder schloss sich uns irgend jemand an. Als wir den Checkpoint Charlie erreicht haben, waren wir eine mächtige spontane Demonstration geworden. Unter uns waren Polen, Deutsche und viele Ausländer, die damals in Westberlin gelebt haben. Sie solidarisierten sich mit unseren Parolen. Man kann sich heute die Rührung, die uns ergriffen hat, kaum vorstellen. Ich werde das nie vergessen. Ich weiß, dass offener Widerstand und Protest, lautes Manifestieren des Widerspruchs, früher oder später zum Sturz einer gehassten autoritären Regierung führen muss. Ich warte sehnsüchtig auf diesen Moment und diesmal glaube ich, dass es schnell geschehen wird. Lasst uns dafür eintreten! Demonstrieren wir in Polen und im Ausland! Demonstrieren wir in Berlin, in dem immer noch viele Menschen leben, die an der damaligen Solidaritätsbewegung aktiv teil genommen haben. Es leben hier auch Unmengen junger, kluger Patrioten, denen das Gemeinwohl des freien, modernen Polens am Herzen liegt.

Das viel zu oft von Polen gebrachte Blutopfer soll nicht umsonst gewesen sein!

Sława Lisiecka

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