Zweimal im Leben erlebte ich einen Kulturschock, den ersten 1991 in Hamburg und den zweiten 2008 in Delhi. Zweimal befand ich mich im Gebiet eines anderen Systems und zweimal musste ich am eigenen Leib erfahren, was Fremdheit und totale Verlorenheit bedeutet.

Während der Schulzeit, in den 1980er Jahren, mochte ich die Deutschen nie sonderlich. Ich lernte Deutsch, allerdings ohne großes Interesses, ganz nach dem Motto meines Großvaters: „Man muss die Sprache seines Feindes kennen“. Das gleiche galt natürlich auch für den Russischunterricht. Eine ganz normale Einstellung in einer polnischen Familie, ich kann mich an niemanden aus meiner Klasse erinnern, der damals anders dachte. Deutschland war für mich so weit entfernt wie der Mars.

Das erste Foto, das ich bewusst betrachtet hatte, stellte deutsche Soldaten dar, die die Grenzschranken zu Polen niederrissen. „Schau Kind, was sie uns angetan haben, sie überfielen und verbrannten uns“, sagte mein Großvater und meine Großmutter erzählte, wie sie während der Flucht an Typhus erkrankte und ihr alle Haare ausfielen, wie ihr frisch angetrauter Gatte einen deutschen Fallschirm fand und sie dank dem ein Kleid für das ganze erste Kriegsjahr hatte, das erste Jahr eines Lebens im Elend. Danach erzählten die Nachbarn ihre Geschichten und ich legte unter dem Küchentisch meine zwei Puppen zurecht. Viele Monate lang, packte ich meine Kleidung und Spielzeuge in eine Tasche und stellte sie an die Tür „für den Fall, dass die Deutschen kommen, bin ich zur Flucht bereit“. Ich erinnere mich, wie meine Mutter meine Großeltern anschrie, sie sollten doch aufhören, so was in Gegenwart des Kindes zu erzählen.

Dann kam die „Solidarnosc“, das Kriegsrecht und die Erzählungen gewannen an Aussagekraft. Ich war 10 Jahre alt, als das Wort „Krieg“ eine neue Bedeutung bekam. Mein Großvater brachte mich zu meinem Onkel nach Myslowitz und ich sah Soldaten, die sich an einer Feuerstelle wärmten. Ich durfte nicht hinsehen, tat es aber. Während der ganzen Zugfahrt nach Schlesien sprachen alle über Politik und den Hass auf die Kommunisten. Es war laut und der Wein floss in Strömen. Es war Dezember 1981. Das Einzige, was ich davon verstand, war, dass ich Polin bin und, dass dies irgendeine riesige Verpflichtung darstellte. Die Verpflichtung, beharrlich zu bleiben und mit stolz erhobenem Kopf zu schreiten, an den Soldaten aber schnell und mit nach vorne, und nicht zur Seite gerichtetem Blick vorbeizugehen. Ein Mensch, der nach vorne schaut, weiß wohin er geht. Das war der Anfang des Kriegsrechts, geschlossene Schulen, Verhaftungen, und niemand wusste, ob die nicht auf Leute auf der Straße schießen würden. Für diese Reise mussten wir eine Genehmigung für das Verlassen des Wohnorts haben.

Mein Großvater wurde im selben Jahr als der Erste Weltkrieg zu Ende ging, geboren. Er war 21 als der Zweite Weltkrieg ausbrach und 27 als die sowjetische Besatzung anfing. Er starb vor dem Niedergang des Kommunismus. Im Krieg hatte er alle seine jüdischen Freunde, an die er oft zurückdachte, verloren. Meine Großmutter kümmerte das nicht so sehr. Bis zum Ende war sie der Meinung, dass Juden hinterlistig seien und Jesus ermordet hätten. Das Argument, dass Jesus selbst Jude gewesen war, hielt sie für dumm, war er doch im Fluss Jordan getauft worden. Mein Großvater hatte vor dem Krieg das Abitur gemacht und stammte aus dem verarmten Adel. Meine Großmutter hatte vier Grundschulklassen abgeschlossen und stammte aus einer reichen Bauernfamilie, die sich in Amerika bereichert hatte und in das freie Polen zurückgekehrt war. In diesem sehr ungleichen Paar, hatte meine Großmutter eine unumschränkte Macht inne. Sie schrieb zahlreiche Briefe, und zwar ohne Punkt und Komma. Sie schrieb in einem Bewusstseinsstrom. In diesen Briefen ist ihre ganze Welt enthalten. Beide glaubten an Eines: Polen ist das Wichtigste,

„wenn es Polen nicht gibt, gibt es uns nicht, mein Kind“, pflegten sie zu sagen. Das symbolische Polen in unseren Köpfen, denn wenn es uns lediglich auf der Landkarte nicht gibt, halten wir trotzdem durch. Das war die erste Generation eines souveränen Polens. An zweiter Stelle standen die rechtzeitige Aussaat und das Abernten der Felder.

Es war mir nicht bewusst, dass ich in einem patriotischen Hause aufwuchs. Ich schämte mich für meine Großmutter und bat sie, nicht mit meinen Freunden zu sprechen, weil sie primitive Ansichten vertrat, da sie ja keine Bücher las und die Welt nicht verstand. „Ich habe meinen Verstand und brauche keine Bücher“, sagte sie und blamierte mich weiterhin. Vor jeden Wahlen trugen wir weltanschauliche Kämpfe aus und nur einmal gaben wir unsere Stimme für dieselbe Person ab, und zwar 1989 für Walesa. Als ihr mitteilte, dass ich mich während meines Studiums mit der Vernichtung der Juden befassen würde, hielt sie dies für eine komische Idee, fing allerdings an, mir von ihrem Leben zu berichten. Schnell musste ich einsehen, dass sie mir überlegen war. Sie erzählte mir von ihrer eigenen, wohlvertrauten und ereignisreichen Welt des Zusammenlebens mit jüdischen Nachbarn, sie hatten Namen, Berufe und Gesichte. Ich hingegen, kannte damals keinen Juden persönlich.

Wie so einer im Dorf, als den Juden das Geld ausgegangen war, sie mit der Axt niedergeschlagen und in den Graben vor ihrem Haus geworfen hatte, wo sie einfach so tot, so tot dagelegen waren. Für ihr Blut erbaute er ein gemauertes Haus , 40 Jahre später warf ihn seine junge Frau aus diesem Haus und er schlief im Stall, das ganze Dorf sagte: Das ist für die ermordeten Juden. Ich durfte keine Kontakte mit dieser Familie haben. als sich herausstellte, dass der Religionsunterricht in einem dieser Räume stattfinden sollte, sollte ich schnell nach Hause rennen, sobald der Pfarrer den Raum verlassen hatte. Ich mochte sie auch irgendwie selbst nicht, sie waren so schweigsam. Dieser Mensch starb in jenem Stall. Eine angemessene Strafe. Alttestamentlich.

Zwei Freunde meines Großvaters hatten den Krieg überlebt und fuhren nach Kielce, um ihre Angehörigen zu suchen. Von dort kamen sie nie zurück, beide Großeltern brachte diese Erinnerung zum Weinen, Großmutter fügte hinzu „da herrschen sie über die Welt und konnten die Ihren nicht retten“. Antisemitismus schloss Mitgefühl nicht aus. So war mein Zuhause. Nichts womit man sich rühmen kann.

Im Jahr 1991 bin ich also in Hamburg. Helmut Kohl hatte sich bereits mit Tadeusz Mazowiecki in Kreisau getroffen, der Vertrag über gute Nachbarschaft war schon geschlossen worden, Deutschland war wiedervereint.

Der Zweite Weltkrieg war endlich vorbei , eine neue Epoche hatte begonnen, und ich war 20 Jahre alt.

Als Studentin kam ich für die Semesterferien nach Hamburg, um in einem Hotel zu arbeiten. Ich räumte Zimmer auf und das Geschirr nach dem Frühstück weg, es war die einzige Zeit im Leben, in der ich die Fenster genau putzte und die metallenen Stuhlbeine reinigte. Nett war es, die Arbeit legal, die Bezahlung gut, in einer angenehmen Atmosphäre mit den Schlesiern. Ich wohnte im wunderschönen Haus des Hotelbesitzers, der im Urlaub war und zwei polnische Studentinnen eingeladen hatte, damit das Haus nicht leer stand. Wir waren beide schon protestantisch und unser Pastor musste wohl ein gutes Wort für uns eingelegt haben. Wir hatten einen vollen Kühlschrank, eine Kiste voller Säfte im Keller und eine jugoslawische Putzfrau, die uns darauf aufmerksam machte, dass wir gerade dabei waren, Salat aus einem Blumentopf und nicht aus einer eigenartigen Schüssel zu essen. Diesen ersten Deutschen, der mir Einlass in sein Haus gewährt hatte, lernte ich nie kennen.

Im darauffolgenden Jahr wohnten wir bei einer amerikanischen Familie in Blankenese, ebenfalls umsonst, weil sie gerade ihren Urlaub in den Staaten verbrachten. Auch hier ein voller Kühlschrank und Säfte im Keller sowie Autoschlüssel auf dem Kühlschrank, leider hatte ich keinen Führerschein. Wir wohnten malerisch und putzten das Hotel. Ich war begeistert von der deutschen Herzlichkeit und entschuldigte mich bei einem Polizisten, für den ich kurze Zeit als Babysitter arbeitete, für die polnische Mafia, die Autos stahl. Er brach in Lachen aus und meinte „deine Landsleute sind in Hamburg wohl bekannt“. Ha ha ha. Das war eine schöne Zeit. Nachdem ich im Hotel den Ehrlichkeits-Test bestanden hatte (Geld auf dem Schreibtisch), bot man mir eine dauerhafte Arbeit an, worauf ich erstaunt erwiderte, dass ich Studentin sei und mein Diplom machen müsse. Der Gedanke nach Deutschland auszuwandern, schien mir seltsam und beruflich gesehen sinnlos. Ich hasste Putzen.

Im Laufe der folgenden zehn Jahre, schloss ich mein Studium ab, war Journalistin, Lehrerin und Direktorin in einer Fabrik. Ich heiratete einen Deutschen und zog mit ihm nach fünf Ehejahren nach Berlin. Ein paar Jahre später ließen wir uns scheiden, ich plante eine Rückkehr nach Polen, fand dann aber Arbeit und eine Wohnung. In Berlin lebe ich bis heute. Meine polnische Familie war meinem Mann gegenüber nie unfreundlich und seine deutsche Familie war nie unhöflich zu mir. Beide Seiten respektierten einander, wir verbrachten gern Zeit zusammen und schätzten gemeinsame Feiern und Gespräche. Ich mochte die Großmutter meines Mannes, die mir vom besten Urlaub ihres Lebens erzählte, während des Krieges in Kroatien, als ihren Mann im Wehrdienst besuchen fuhr. Sie war authentisch in dem was sie sagte. Sie war mit ihren Emotionen verbunden.

Im Jahr 2004 trat Polen der Europäischen Union bei, ich war am Brandenburger Tor und berichtete der TV-Reporterin voller Euphorie von diesem historischen Moment. Am gleichen Tag bekam ich jedoch ein anderes Deutschland zu sehen. Ich sah Menschen, die schreckliche Dinge über die Polen sagten. Die Deutschen auf den Straßen waren unzufrieden über die Erweiterung der EU, über die wilden Völker im Osten und die Einladung einer Horde von Verbrechern an einen gemeinsamen Tisch. Dies war eine Szene aus der U-Bahn und im Mai beobachtete ich Neonazis auf dem Alexanderplatz.

Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wurden Debatten geführt, zu einer von ihnen wurden ein Pole und ein Franzose eingeladen, es ging um die deutsch-polnische Versöhnung im Vergleich zur deutsch-französischen. Die Reporterin begrüßte den Franzosen mit einem breiten Lächeln und begann das Gespräch auf Französisch. Als sie den Polen vorstellte, nannte sie seinen Namen, es war ihr allerdings nicht in den Sinn gekommen, sich die Wendung „Guten Abend“ (pl. „Dobry wieczór“) beizubringen. Diese kurze Szene machte mir auf erschreckende Weise klar, in was für einer Semantik wir uns bewegen. Mir war traurig zumute und irgendwie tat es mir leid, dass ich die deutsche Sprache gut genug verstehe, um diese Ungleichheit festzustellen. Die deutsch-französische Versöhnung entstand auf Grundlage tief gehender kultureller Komplexe der Deutschen Frankreich gegenüber. Der deutsche Minderwertigkeitskomplex ist bis heute deutlich sichtbar. Polen gegenüber bekunden die Deutschen völlig andere Gefühle. Das Gefühl zivilisatorischer und kultureller Überlegenheit ist auch in gegenwärtigen Debatten spürbar.

Die deutsch-polnische Versöhnung ist aber deswegen gelungen, weil die Polen den großen Wunsch hatten, der Europäischen Union beizutreten, und dieser Weg führte über Deutschland, und auch deswegen, weil deutsche Politiker verstanden haben, dass dies eine historische Notwendigkeit ist, und sie unterschrieben Verträge ohne ihrer Gesellschaft zu

fragen. Wenn es in Deutschland im Jahr 2003 ein Referendum bezüglich des EU-Beitritts Polens gegeben hätte, wären wir bis heute Kandidaten. Da bin ich mir absolut sicher.

Indes fand die Versöhnung und ein reales gegenseitiges Kennenlernen, nach meinem Empfinden, etwa vor sechs Jahren statt. Polen verzeichnete einen gigantischen Erfolg auf der europäischen Skala. Von einem armen Staat avancierte es zu einem der sich am schnellsten entwickelnden Länder und brachte immer bessere wirtschaftliche Ergebnisse hervor. Mein Heimatland wurde zusehends schöner, Warschau verwandelte sich in eine herrliche Stadt, was vor zehn Jahren niemand geglaubt hätte. Die Polen strichen ihre Häuser, pflanzten Bäume, pflegten ihre Städte und Dörfer. Es wurde farbenfroh und sauber. Heutzutage ist es schwierig einen Polen an seiner Kleidung zu erkennen, nichts erinnert mehr an seinen armen Verwandten aus den 1990er Jahren.

Die „Solidarność“ hätte unser Gründungsmythos werden sollen, ein Beweis für den Sieg des Willens über die Materie. Ein Beweis dafür, dass wir es als Nation geschafft haben und uns einen würdevollen Platz in der demokratischen Gemeinschaft erarbeitet haben. Der 4. Juni 1989 sollte unser Nationalfeiertag sein, weil wir schon damals die ersten freien Parlamentswahlen hatten. Dies geschah allerdings nicht.

Die Freiheit erwies sich als schwierig und erforderte weniger innere Stärke als vielmehr harte, systematische Arbeit an einer Staatsidee. Wir wuchsen nicht zu einer Zivilgesellschaft heran, sondern zu einer lose verbundenen Menschenmenge, die um Konsumgüter kämpft. Die Kaufsucht verdrängte das Nachdenken darüber, was einen Staat ausmacht und was Gemeingüter sind. Wir beeilten uns so sehr den Westen einzuholen, dass wir vergessen haben, wofür das Ganze eigentlich gut sein sollte. Für diejenigen, für die das Tempo sich als zu schnell erwies, hatten wir kein alternatives Angebot entworfen. Ein solches hatte aber die katholische Kirche. Eine feudale Institution. Der Pfarrer spricht, das Volk hört zu, Zeit für Fragen ist nicht vorgesehen. Keine andere Institution hatte solch einen großen Einfluss auf das politische Leben in Polen innerhalb der letzten 25 Jahre. Die polnische Kirche ist ultrakonservativ, mag niemanden sonst, mag keine Frauen, mag das laizistische Europa nicht und musste nie mit einer anderen großen Konfession zu einer Einigung kommen. Nie hat sie gelernt Dialog zu führen und das Andere zu respektieren. Intellektuell ist sie ein vor Jahrhunderten konserviertes Werk. Ich habe das Gefühl, dass die führende Rolle der Kirche für viele eine Erleichterung darstellt. Sie müssen sich keine Fragen bezüglich ihrer eigenen Verantwortung und der Beurteilung ihrer Misserfolge im Leben stellen, ihnen werden fertige Antworten geliefert und schuld sind immer die anderen. Verräter sind unter uns, sie schwärzen uns vor Europa an, und wenn wir die Verräter stumm machen, wird es gut und würdevoll sein. Es wird polnisch sein. Nur, ein dermaßen verschlossenes Polen hat es in der Geschichte nie gegeben.

Der Feudalismus war in Polen vor gerademal etwa hundert fünfzig Jahren zu Ende, meine Urgroßeltern waren Leibeigene, Sklaven des Feudalherrn. Die Kirche knüpft hervorragend an diese Erinnerungsstruktur an und hilft dabei, den Fluch der Freiheit zu überwinden. Die Rhetorik der aktuellen polnischen Regierung ist eine geradlinige Fortsetzung dieses Denkmodells. Wir sind Sklaven der EU, genau genommen Deutschlands, weil der deutsche Unternehmer den polnischen Arbeiter 1/4 oder weniger dessen bezahlt, was Arbeiter in Deutschland bekommen (stimmt), der Kapitalist nutzt uns aus und führt den gesamten Gewinn aus dem Land (ein globales Problem), sein Profit ist höher als die Fördermittel der EU und was uns bleibt, ist lediglich Demütigung (stimmt nicht). Auf welcher Ebene ist 2016 eine Polemik mit solchen Ansichten möglich? Was sollte so ein Gespräch bringen, wer sollte überzeugt werden und wovon?

Nach dem Wahlsieg der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), wurden in Deutschland Stimmen laut, dass die Polen nicht reif genug für die Demokratie wären, dass sie es nicht verdient hätten, Teil des elitären Klubs der demokratischen Länder zu sein. Dies hat mich sehr verwundert und wundert mich immer noch, denn stellt man den Österreichern jetzt ähnliche Fragen? Was kann über die Erfolge der AfD, die sie nicht nur in den neuen Bundesländern erzielt, gesagt werden? Was werden die linken Journalisten der größten Medien im Jahr 2021 schreiben? Macht euch das keine Angst? Wozu der gönnerhafte Tonfall gegenüber Polen, wenn ihr doch selbst eine Zweiklassengesellschaft geschaffen habt und es euch nicht gelungen ist, die Unterschiede zwischen Ost und West im eigenen Land zu beseitigen?

Wenn Polen in drei Jahren das Projekt Freihat und Demokratisierung verliert und die extreme Rechte an die Macht kommt, dann verliert auch Deutschland. Wir sind in der Lage, gegen unsere eigene Regierung zu kämpfen, wir gehen massenhaft auf die Straßen, organisieren uns von unten und sind mutig, wir haben 200 Jahre Widerstand im Blut. Ihr seid dazu nicht fähig. Ihr seid der Regierung immer gehorsam, sogar entgegen jeder Logik. Ihr glaubt fest daran, dass der Staat sich um euch kümmern wird. Die Polen haben diesen Glauben nicht.

Ein deutsch-polnischer Dialog ohne das Trauma des Zweiten Weltkriegs existiert nicht. In Polen glaubt man, dass die Deutschen diesen Krieg gewonnen haben. Dank der Amerikaner ist Deutschland eine Supermacht geworden und hat gelernt, was Demokratie ist, und das ist auch gut so. Jedoch wird die arrogante Haltung gegenüber dem von Deutschland absichtlich zerstörten Osteuropa niemandem etwas Gutes bringen. Das alles ist wirklich vor nicht allzu langer Zeit passiert. Manche Akteure dieser politischen Szene sind noch am Leben. Wie viele wohnen hier in Häusern, die für gestohlene jüdische Gelder erbaut oder gekauft wurden? Sie wurden niemandem weggenommen, von niemandem wurde Rechenschaft gefordert. Man kann sie erben und sich nicht daran erinnern, wie der Großvater an Geld gekommen war. Vergessen, dass Großmutter Kleider getragen hatte aus Päckchen, die aus dem Ghetto oder einem Vernichtungslager irgendwo da im Wilden Osten geschickt worden waren. Wisst ihr, dass in Warschau 1944 innerhalb von 63 Tagen um die 200 000 Zivilisten umgebracht worden sind, ganz zu schweigen vom Ghetto 1943. Die Mathematik des Todes einer einzigen Stadt. Die Stadt Rom wurde zusammen mit in Kellern versteckten Menschen verbrannt. Der Henker von Warschau war nach dem Krieg Bürgermeister von Sylt und führte ein erfolgreiches Leben. Es gab eine Schuld aber keine Sühne. Warum unterrichtet man nichts darüber in der Schule? Ich finde diese Verdrängung entsetzlich. In Deutschland gewinnt man schnell den Eindruck die Kollektivschuld wurde vorbildlich genommen, aber diese Schuld hat kein Gesicht. Der Luxus des Nicht- Nachfragens hat auch seinen Preis. Ich weiß, dass solche Worte weh tun, aber ein gestohlenes Leben tut noch mehr weh.

Schweigen oder in der Öffentlichkeit ignorieren bedeutet, denjenigen das Feld zu überlassen, die es bewirtschaften werden. Auf beiden Seiten der Oder. Das geschieht jetzt schon. Wir haben diese Dämonen in Europa nicht umgebracht.

Wir werden zusammen sein, offen und ehrlich auf dem einzigen Sportplatz, den wir haben, spielen, dann haben wir eine Chance. Wir lernen einander zuzuhören und den anderen zu hören, dann werden wir Lösungen erarbeiten, die es jedem erlauben, sich als Gewinner zu fühlen. Wir In Polen ringen wir auch mit uns selbst, wir haben angefangen Mythen zu dekonstruieren. In Osteuropa haben wir alle ein posttraumatisches Syndrom.

Manche von euch sehen dies ein, ich hoffe auf eine Postenverteilung in der deutschen Politik und eine neue Einstellung dem Osten gegenüber. Einen partnerschaftlicher und nicht kolonisatorischen Ansatz, denn Würde ist eine Währung, die sich nicht in Euro umrechnen lässt. Ich habe aber auch Angst, dass die neue Runde zur Folge hat, dass wir sehnsüchtig an die alte Generation zurückdenken werden. Die Jugend ist kompromisslos und im Anschluss quälen uns Gewissensbisse.

Ich bin in Berlin und in Polen zu Hause. Morgens jogge ich in Swinemünde oft den Strand entlang, ich renne zur deutsch-polnischen Grenze und berühre den Grenzpfosten. Das ergreift mich jedes Mal, und jedes Mal danke ich dem Schicksal, dass ich genau dieser Generation angehöre, die am Sonntagmorgen auf dieser Grenze joggen kann. Soeben ist mir bewusst geworden, dass ich immer ohne Papiere jogge, in meinem Kopf gibt es keine Grenzen mehr.

Urszula Ptak

Übersetzung Kamila Gierko

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